Geständnisse eines Süchtigen – ist es wahre Liebe?

Tatsächlich wird das hier nicht nur ein Fahrbericht. Beim Prius hab ich geschrieben, es geht um eine „kleine Liebeserklärung“. Der Prius macht mir Spaß und ich bin mir sicher, gleichzeitig vernünftig und verantwortungsvoll gegenüber der Umwelt und im Sinne meiner Kinder zu fahren. Eigentlich reicht das ja aus, für alle automobilen Bedürfnisse. Eigentlich. Wenn da nicht die zweite Seele wäre, die in meinem Körper wohnt. Und die ist einfach ein kleiner Redline-Junkie.

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Genau für die gibts den Toyota GT86: Wer mit dem Auto fährt, um von einem Ort zum anderen zu kommen, kann jetzt aufhören zu lesen. Das geht mit dem GT86 zwar auch, aber wer keinen Spaß am Fahren an sich hat, für den wird sich die Faszination dieses Fahrzeugs ohnehin nicht erschliessen. Denn nur darum gehts: um die Liebe am Spüren des selbst-verantworteten Fahrens, das Gegenteil des kürzlich vorgestellten lenkradlosen Google-Autos. Spüren der Fahrbahn, der Rückmeldung der Lenkung, der Unebenheiten der Strasse und darauf richtig und schnell zu reagieren.

Als Abstandsradar hat man zwei Augen, auf visuelle Störungsmeldungen reagieren Beine, Füsse, Hände: selber bremsen und lenken. Das Lenkrad ist frei von Knöpfen und Schaltern und hat nur die Aufgabe, den Fahrer über die Lenkung mit der Strasse zu verbinden. Wer Rückenprobleme hat, muss diese vor der Fahrt lösen – ein GT86 wird keine Massagesitze bekommen. Keine Kameras, die vor dem Auto die Fahrbahn abtasten. Keine Totwinkelsensoren oder automatische Einparksysteme.

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Kein Monstermotor, kein Turbolader, kein Ladeluftkühler: Der GT86 hat einen ganz „normalen“ 2,0-Liter-Saugmotor in Boxer-Anordnung, der einen sensationell niedrigen Schwerpunkt ermöglicht. Wer sportliches Fahrerlebnis nur mit Beschleunigungswerten und Höchstgeschwindigkeitsangaben (die meisten der heutigen „sportlichen jungen Fahrer“ sind ja Turbo- und Dieselverwöhnt) nachmisst, der kann jetzt auch aufhören zu lesen – da muss und will der GT86 gar kein Rekordjäger sein.

Stattdessen: Fokussierung auf Beherrschbarkeit und Handling, ehrliches Fahrverhalten und ungefilterte Rückmeldungen. Dieses Auto lässt mich machen und gibt mir nicht nur das Gefühl, der Herr der Lage zu sein – sondern macht mich zum aufmerksamen Fahr-Erlebnis-Geniesser!

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Ganz ehrlich: wenn es den GT86 nicht gäbe, bin ich mir nicht sicher, ob ich noch bei Toyota wäre und sich mein Leben – auch beruflich – wesentlich anders laufen würde. 2005, 2006 war der „Frust“ bei mir ziemlich gross. Einstellung aller bezahlbaren Spassautos bei Toyota, ausser dem Hilux. Kein MR2 mehr, kein Celica. Alle neuen Autos mit Frontantrieb, keine fahrspassrelevanten Neuentwicklungen. Persönliche Fahrspass-Sinnkrise. Arbeiten nur wegen des Geldes und um die Familie zu versorgen – wars das jetzt? Bis ich davon gelesen habe, dass Toyota in Zusammenarbeit mit Subaru plant, einen legitimen Nachfolger für den AE86 zu entwickeln. Von dem Moment an hab ich auf die Vorstellung des Autos gewartet. Danke für das, was dabei rausgekommen ist, Tada-San! Für die nicht-so-Insider:  Tetsuya Tada ist der Chefkonstrukteur des Projekts.

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Als ich den GT86 dann, Anfang August 2012, auf dem Nürburgring erstmals selbst erleben durfte, wars geschehen. Er ist es! Ganz genau und absolut. Tim Schrick- ein Rennfahrer und Autotester – hat in einem Fernsehbericht sinngemäss gesagt: Ich wüsste nicht, was ich spontan dran ändern würde. Das seh ich auch so. Oder so ähnlich.

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Gibts eigentlich noch die Leute, die in den 80 ern selbst aktiv Motorsport betrieben haben – zum Beispiel im nationalen Slalom/Rallye/Bergrennsport oder das heute noch tun?

Habt ihr nicht auch – wie ich heimlich – neidvoll auf die heissen 2-Liter Opel C-Kadett geschielt? Waren die Dinger geil! Die in-etwas-Daten kennt jeder heute noch. Und jetzt zum Vergleich der GT86: auch ein 2-Liter-Saugmotor, der 7400U/min dreht und dabei 200PS freisetzt. Wenig Gewicht (grad mal 1200kg), Heckantrieb und eine Sperre, die richtig gut und dauerhaft funktioniert! Klingelts schon? Annähernd ausgeglichene Gewichtsverteilung. Kleines Lenkrad und direkte Lenkung. Und, noch besser als früher: genial schaltbares 6-Gang-Getriebe mit geringen Drehzahlsprüngen. Die ersten drei Gänge sind über einen Dreifach-Konus synchronisiert, und schwimmende Lager sorgen für knackige und dennoch leichtgängige Schaltvorgänge. Die Koordination mit der Kupplung ist wieder Aufgabe des Fahrers – Konzentration ist notwendig. Das alles im Vergleich zu früher absolut standfest und im Alltag problemlos zu bewegen. Schwerpunkt nur 46cm über der Fahrbahn – das ist in etwa das Niveau eines Ferrari 458!

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Wenn wir grade bei der Technik sind: beim Erforschen des fahrdynamischen Limits ist es absolut notwendig, dass auch die Reaktionen auf Gaspedalbewegungen spontan und unmittelbar erfolgen. In Zeiten von Euro5-Abgasnorm verfügen fast alle Autos über ein elektronisches Gaspedal, das eine gewisse Verzögerung zwischen der Bewegung des Pedals im Fussraum und der entsprechenden Reaktion im Motorraum durch das Bewegen der Drosselklappe per Stellmotor bedingt. Bei den meisten Autos hat man den Eindruck, die Elektronen in den Übertragungskabeln müssten sich immer erstmal gegenseitig aufwecken, um dann letztlich den Wunsch des Fahrers weiterzugeben. Nun, die Elektronen des GT86 benehmen japanisch-traditionell sich äusserst diszipliniert: unmittelbar und ohne spürbare Verzögerung erfolgt jegliche Reaktion. Wie auch bei der Bremse und der Lenkung.

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In Testberichten liest man manchmal, er hätte zu wenig Leistung für einen Sportwagen. Liest hier immer noch ein Turbo-Frontantriebs-Fan mit? Bist neugierig, oder? Okay, meine Meinung dazu: In den allermeisten Ländern Europas darf man auf relevanten Strassen (solche mit nennenswerten Kurven 😉 ) maximal 100km/h schnell fahren. Egal, wie eng die Kurve war und wie mit welcher Querbeschleunigung man in ihrem Verlauf Spaß hatte: Innerhalb maximal 4 oder 5  Sekunden ist man mit dem serienmässigen GT86 in dem Geschwindigkeitsbereich, der beim Erwischt-werden zum Entzug der Fahrerlaubnis führt. Wie viel schneller soll denn noch sein? Und dort, wo man darf (auf Rennstrecken): ich kann nur für den Nürburgring und die Nordschleife sprechen. Bestimmt bin ich kein Weichei in Sachen Fahren am Limit, aber wenn man mit über 200km/h am Schwedenkreuz ankommt und dort anbremst, ist das schon ein Bereich, der auch mein persönliches Limit ankratzt. Ein Profi-Rennfahrer mit einem Rennwagen wird darüber nur schmunzeln, aber ich kann ja damit nicht mein Geld verdienen, sondern will Spaß dabei haben. Nochmal zurück zum C-Kadett: ich werde mit dem GT86 in Zukunft bei nationalen Slaloms antreten und bin mir sicher, dabei viel Spaß zu haben. Gewinnen muss nicht sein, aber mal schauen.

Eine unglaubliche Vielfalt von Individualisierungsmöglichkeiten ist verfügbar: nicht nur Felgen, Räder, Auspuff, Fahrwerk – sondern auch andere, teilweise wirkungsvolle Verbesserungen wie Karrosserieverstrebungen, Aerodynamikteile, Optik-Tuning … Das Auto wurde so konzipiert, dass jeder seinen eigenen Traum verwirklichen kann. Und dabei möglicherweise eine enge Bindung zu seinem GT86 aufbaut. Denn die Gefühle, mit den man vom Fahrersitz eines GT86 aus einen übersichtlichen, leeren Kreisverkehr sieht und verlässt, gehören zu den allerbesten Erlebnissen im Leben – und können immer wieder wiederholt werden. Nein, das soll jetzt kein Aufruf zu unangepasster Fahrweise sein, drum ja ein leerer Kreisverkehr …

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Natürlich ist der GT86 vielleicht nicht unbedingt zum Fortbestand der menschlichen Zivilisation notwendig. Für mich persönlich aber schon. Zumindest, solange es irgendwie finanzierbar ist. Ist das jetzt schon ein Zeichen der Sucht? Natürlich könnte ich ohne den GT86 leben. Zu 98%. Aber, in den 2%, wenn der Schlüssel da liegt, der Tank voll ist und Kennzeichen auf dem Auto drauf sind – da geht es nicht ohne! Er ist in dem Moment mein Held, das absolut Beste, was ich mir auf der Strasse zu bewegen vorstellen kann. Mein voller Ernst! Mit noch mehr Leistung könnte ich nichts anfangen. In einem Cabrio hab ich immer beim schnellen Fahren ein blödes, unsicheres Gefühl. Klar gibts ja auch Porsche, Lamborghini und Co., die vielleicht genauso viele Emotionen hervorrufen. Allerdings: Mit einem wesentlich teureren Auto hätte ich Hemmungen, mal Richtung Limit unterwegs zu sein zu erkunden – der GT86 ist dafür einfach perfekt!

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Autor: Michael Ströher

Auto- und Motorradldamisch seit kurz nach der Geburt. Toyota - Profi und Fan von allem, was auf Rädern Spaß macht. Hybrid - Junkie - mit eigener Meinung.

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